Tag 11: Entscheidungen am Berg

Samstag, 8. August.  8 Uhr Aufbruch von der Voisthaler Hütte übers Ghackte, Hochschwab, Schiestlhaus, Sonnschienalm zur Senkbodenalm. Am Trawiessattel will ich Dietmar treffen, der mit mir auf die Alm wandern wird.

Dietmar geht vom Bodenbauer los. Nach einer Weile beginnt sich von seinen 13 Jahre alten Bergschuhen die Sohle abzulösen. Er ist aber schon zu weit oben, um umkehren zu können, außerdem hatten wir vorher nur vage einen Treffpunkt am Trawiessattel vereinbart und am Vorabend keinen Handyempfang, und unterwegs sowieso nicht.

Als wir uns am Berg treffen, zeigt mir Dietmar gleich das Malheur und sagt: „Du bist Bergwanderführer. Was tut man jetzt?“ Vom Trawiessattel ist es in jede Richtung mindestens drei Stunden ins Tal. Das ist keine Option. Starkes Klebeband habe ich keines dabei, also versuchen wir, die Sohlen mit einer Reepschnur festzubinden, was wir sofort wieder aufgeben. So kann man auch nicht gehen. Wir entscheiden nach Abwägung aller Möglichkeiten doch weiter aufs Schiestlhaus aufzusteigen, über den Normalweg, da wir dort die größte Chance einer Lösung vermuten und es „nur“ 1,5 Stunden sind. Notfalls muss Dietmar barfuß gehen, sehr langsam.

Mit jedem Schritt lösen sich die Sohlen immer mehr auf, bis sie ganz runter sind. Auf der Innensohle kann er zwar gehen, aber in hochalpinem Gelände schränkt das wesentlich die Trittsicherheit ein… Trotzdem sind wir unausgesprochen einer Meinung, dass das schon irgendwie gut ausgehen wird.

Tatsächlich schafft Dietmar bzw. schaffen es die Schuhe buchstäblich bis zum letzten Schritt aufs ÖTK Schiestlhaus, wo wir zuerst einmal etwas essen und überlegen, was jetzt passieren wird. Nach dem Essen geht Dietmar zum Hüttenwirt und fragt ihn: „Wer ist hier für Katastrophen zuständig?“ Doch von solchen Lappalien lässt sich Christian Toth nicht aus der Ruhe bringen. Er geht nach hinten und bringt drei paar Bergschuhe, die irgendwo übrig geblieben sind. Ein Paar passt wie angegossen! „Wenn du unten bist, stell die Schuhe bei meinem Haus auf die Terrasse und gib eine Spende in die Nepalbox. Dann passt das“, sagt er. Das Schiestlhaus ist wirklich eine Soul Kitchen, wie das Magazin Bergsteiger schreibt. Und das nicht nur, weil es die höchstgelegene Schutzhütte in der Hochschwabgruppe und das erste hochalpine Passivhaus ist.

Wir sind dann noch fünf Stunden bis zur Senkbodenalm marschiert, haben eine Steinbockherde mit 30 Tieren gesehen, konnten den Weg genießen und Gespräche führen.

Unter anderem darüber, wie man am Berg Entscheidungen trifft, wenn man all die Annehmlichkeiten und Hilfen eines modernen Lebens im Tal nicht hat. Was, wenn Dietmar schon vor dem Trawiessattel umgekehrt wäre? Hätte ich oben gewartet? Hätte ich begonnen, ihn zu suchen? Ab wann? Oder wenn er absteigen hätte wollen: Wäre ich mit ihm gegangen? Hätte ich meine Tour unbeirrt fortgesetzt? Und wie repariert man nun einen auseinanderfallenden Bergschuh unterwegs?

Noch ein Nachsatz: Jeder Bergschuh entledigt sich irgendwann der Sohle, wenn er zehn Jahre oder älter ist. Und zwar egal, ob man damit von Wien nach Innsbruck gewandert ist oder er im Schrank verstaubt. Das liegt einfach daran, dass Kleber und Gummi sich mit der Zeit auflösen.

  • Hochschwab Südwand

2 thoughts on “Tag 11: Entscheidungen am Berg

  1. Dietmar

    Hallo Tom,

    eigentlich schon interessant, wie schnell sich die Wichtigkeit verschiebt: Wie unwichtig nimmt man einen alten, vertrauten Schuh wenn er funktioniert? Und wie sehr bindet er die Aufmerksamkeit wenn was nicht passt? Und ganz schnell ist’s dann (fast) kein Thema mehr.

    Das wär doch eine Überschrift für eine nächste Tour?

    Oder: Grad am Berg ist die Entscheidung welchen Weg man einschlägt fix: dann muss man halt rauf zum Schiestelhaus. Zurück bzw. bergab wär dann (ganz ohne Profil) nicht mehr gegangen (Die „undo“-Taste gibt’s da nicht).
    Gut wars, besser hätt’s nicht kommen können. Schön wenns richtig war.

    Der Tag war genial: so eine Schuhaktion muss nicht jedesmal sein. Aber wie hätten es sonst die Schuhe in deinen Blog geschafft

    Lg d

  2. Dietmar

    PS: das Wichtigste ist an der Stelle ein großes Danke an alle zu richten, die Hütten betreiben, die Berge sicher machen und unkompliziert helfen. Danke

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