„Ihre Route wird neu berechnet“

Vermutlich bin ich selber ein bisschen verantwortlich dafür, wie anspruchsvoll sich die letzten Tage gestalten. Schon vor Kufstein hatte ich mir gedacht, ob ich jetzt wirklich einfach so, ganz souverän, in Innsbruck einlaufen werde? Kein Showdown?
Das lange Gehen jeden Tag war schon lange zur Routine geworden. Das ist jetzt nicht mehr die Herausforderung. Somit würde ich das jetzt einfach fertig gehen. Also ein bisschen ein anderer Anspruch darf da schon noch kommen.
Und da war er ja dann auch schon!

Doch es ging weiter: Gestern kam ich nach einem sehr feinen Aufstieg durch den östlichen Karwendeleingang zur Lamsenjochhütte. Der kalte Wind wehte, es war stark bewölkt, es regnete leicht und auf den Gipfeln rundherum lag Schnee. Gleich erkundigte ich mich, wie der Übergang über den Lamssattel zum Hallerangerhaus sei, da er ja eine der kommenden Schlüsselstellen war. Der Wirt meinte, dass diese Route sehr wenig begangen sei, hohes Gras wächst und wie auch die Felspassagen bei der Nässe sehr rutschig seien. Doch vorsichtig machbar. Ich war soweit beruhigt.
Die Hütte war knallvoll und die Stimmung der Gäste sehr gut – Hüttengaudi war angesagt.
In der Nacht gab es dann erstes echtes Lagerkuscheln – Schulter an Schulter in schmalen Betten. Doch mein Bettnachbar war zum Glück unaufdringlich und ruhig.
Beim Blick aus dem Fenster in der Früh waren weiße Hänge zu sehen und es schneite. Beim Frühstück meinte der Wirt sofort, dass er vom Übergang nun dringend abrät. Ich suchte eine Alternative auf der Karte und als einzige Variante kam die weiträumige Umgehung des Sattels in Frage. Das bedeutete Abstieg fast bis ins Inntal und im nächsten Tal wieder Aufstieg zur nächsten Hütte. 8 bis 10 Stunden wurden für diese Route veranschlagt. Also stand ein langer Tag am Programm.

  • Achensee

Ich war beim Abstieg flott unterwegs, da er mir inzwischen sehr leicht fällt und ich dadurch Zeit für den Rest gewinne. Nach drei Stunden war ich am Beginn des Aufstiegs, doch ich erschrak über den Wegweiser: „Hallerangerhaus 8h, schwer“… Ja, das wird also definitiv ein sehr langer Tag. Und das im ständigen Regen.
Schnell stellte ich mich seelisch darauf ein und zog los. Gleich danach traf ich jenes Vater-Sohn-Paar, das vor mir gestartet war und die gleiche Route vor hatte. Sie telefonierten gerade mit dem Hüttenwirt und wollten für uns drei Plätze reservieren. Ich zog inzwischen vorbei und zügig weiter.
Nach 15 Minuten erreichte mich der Sohn laufend und außer Atem. Abbruch! Der Wirt empfahl uns dringend umzudrehen. Zu gefährlich seien die ausgesetzten Passagen bei dieser Witterung und der Weg schlecht.
„Das gibt es doch nicht!“ war mein erster Gedanke. Mein Zweiter: welch ein Glück die beiden zu treffen und diese Information zu erhalten! Ich hätte dem ersten Wirt vertraut, der den Weg als machbar einstufte.
Was tun? Die Alternativen werden weniger. Ein Finale der Tour direkt über das Inntal wollte ich nicht. Das wäre mir nach all den Tagen kein würdiger Abschluss. Außerdem war mein erklärtes Ziel, Innsbruck über die Nordkette zu erreichen. Dieses gab ich noch nicht auf.
Der einzige Gasthof in der Nähe hatte geschlossene Gesellschaft wegen einem Treffen der Gralsrunde. Auch alle Betten im Umkreis waren dadurch belegt. In einem langen Planungsgespräch mit dem Wirt ergab sich als beste Option, 3 Stunde nach Gnadenwald entlang des Inntals weiter zu gehen (alles irgendwie ein Déjà-vu…). Ich solle den wegen Steinschlag ausnahmslos gesperrten Weg hinter dem Haus nehmen, er wäre der Direkteste. Über abenteuerliche Pfade in die Schlucht des Vomper Bachs, entlang von Schotterhängen weggespülte Brücken umgehend und durch viel Dickicht bahnte ich mir den Weg. Mit feuchten Augen aufgrund der Enttäuschung zur erneuten Routenänderung, die mich immer weiter ins Inntal gedrängt hat, redete ich laut mit dem Tiroler Wetter ein ernstes Wörtchen: „Ich lass mir von dir die Nordkette nicht wegnehmen! Verdammt!“. Ach ja, das Aggressionsthema war ja noch offen. Ich nutzte diesen Energieschub für das weitere Dranbleiben und Durchhalten.
Da kam mir die Idee am nächsten Tag von Gnadenwald auf die Bettelwurf Hütte aufzusteigen und über die Pfeishütte wieder auf meine Route zu kommen. Die Nordkette wäre damit gesichert, auch wenn es einen weiteren Tag länger dauert. Ja, das gefiel mir sehr! So schnell gebe ich nicht auf.
Und ich bin gespannt, wie nun diese letzten zwei Tage verlaufen.

PS: im heutigen Telefonat mit meinem Vater meinte er, er erwarte mich sehnsüchtig. Wie schön und berührend!

6 thoughts on “„Ihre Route wird neu berechnet“

  1. Andreas

    Lieber Tom!
    Gute Entscheidung.
    Die Nordkette wird auf dich warten. Sie steht dort schon länger.
    Du schaffst es, davon bin ich überzeugt
    Alles Gute
    Andreas

  2. Martha

    Wie im richtigen Leben und da gibt es für das weibliche Geschlecht einen Spruch: hinfallen – aufstehen – Krone richten – weitergehen! Ich bewundere Deine Kraft, die Du Dir aus Deiner Mitte immer wieder holst, Deine doch sehr besonnene Art und vor allem dieses Dranbleiben trotz widrigster Umstände !!!! Weiter … und alles Gute!!!

    1. Tom Felder Post author

      Auch Könige haben Kronen – und der Spruch hängt bei mir im Büro ;)

      Danke für deine schönen Kommentare und Wünsche bisher! Ich werde noch einiges beantworten.

  3. Andreas

    Direkte Tour durchs Inntal willst du nicht…kein würdiger Abschluss.
    Also den Hochnissl, den Hund, umgehen und dann wieder rauf, bei den Gralshütern vorbei und wieder zurück auf die Piste. Und das bei jedem Wetter, Himmel, Arsch und Zwirn!
    Sehr zielstrebig, sehr klar fokussiert!
    Ich wünsche dir, lieber Tom, dass das letzte Stückl noch viel an Emotionen bringt, und dass du gesund ankommst, und bleibst.

    LG Andi

  4. Daniel

    Lieber Tom,
    ohne diese wetterbedingt erzwungenen Alternativwege wäre es wohl zu einfach. Die Natur; sie hat das sagen. Du gehst mit der Natur nach Tirol, ob links, rechts, hoch oder runter. Das ist es. Bleib so konzentriert.
    Und das besondere i-Tüpfelchen Deines Weges steht Dir bevor, erwartet Dich – die Begegnung mit Deinem Vater. Sie wird einen unnötigen Staudamm öffnen …

    Liebe Grüße,
    Daniel

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