Tag 24: Bauchgefühle

Der Freitag Morgen beginnt hektisch. Ich möchte noch vor dem Abmarsch von Bad Goisern ein Zimmer in Gosau reservieren, weil es bereits für Bad Goisern wegen der Ferienzeit schwierig gewesen ist, noch eine Unterkunft zu bekommen. Laut Touristinfo ist in Gosau alles voll bis auf ein Zimmer im Hintertal, 45 Minuten zu Fuß außerhalb des Ortes.
Dann will ich noch eine Kundenanfrage bearbeiten und dazu abklären, ob mich meine Kollegin, die gerade in Georgien auf Urlaub ist, dabei vertreten kann.
Und das alles etwas erschwert am Handy.
Das Bargeld ist auch verbraucht, also gilt es, noch einen Geldautomaten zu finden.
So war der effektive Start in die Etappe sehr spät und der Druck erhöht, weil in der Pension in Gosau nur bis 17 Uhr jemand da sein würde. Mit hohem Tempo startete ich den steilen Aufstieg Richtung Goiserer Hütte. So wollte ich den Tag eigentlich nicht verbringen.
In der Goiserer Hütte mache ich Pause mit dem Wissen, bald wieder aufbrechen zu müssen. Doch die Gemütlichkeit der Hütte zieht mich in den Bann.

Seit ein paar Tagen ist Bernd mein zufälliger Begleiter. Er ist 72, stammt aus Köln und geht auch alleine einen Teil der via alpina, die sich hier mit meiner Route deckt. Wir gehen stellenweise getrennt und treffen uns immer wieder auf den Hütten. Während ich Pause mache, trifft auch er bei der Goiserer Hütte ein. Da wir beschlossen haben, aus Zimmermangel in Gosau das Zimmer zu teilen, brechen wir gemeinsam bald wieder auf.

Ein paar Meter von der Hütte entfernt meldet sich eindeutig mein Bauch und fragt, warum wir eigentlich nicht auf dieser tollen Hütte bleiben. – Gute Frage!
Wir denken die weiteren Routen durch und beginnen abzuklären, ob die nächsten Hütten nach Gosau überhaupt frei wären, schließlich kommt das Wochenende. Und tatsächlich, sämtliche Hütten im Umkreis sind für Samstag bereits ausgebucht. Wir müssten zwei Tage im Tal bleiben, bevor wir weitergehen können. Das klingt nicht sehr attraktiv. Wir entscheiden deshalb, auf der Goiserer Hütte zu bleiben und den Ruhetag vorzuverlegen. Es stellt sich wieder als eine sehr gute Entscheidung heraus. Die Hütte ist traumhaft und es sind wenige Gäste da.

  • Goiserer Hütte

Am Abend erhalte ich in interessanten und sehr offenen Gesprächen mit Bernd spannende Einsichten in Generationen bis ins 19. Jahrhundert zurück und wie auch die Kriege so sehr die Familiengeschichte und das Vaterbild zuhause beeinflussten.

Nach einer sehr erholsamen Nacht ist der Blick am Samstag in der Früh auf die Nebeldecke im Tal unglaublich beeindruckend und wir sind so froh, dass wir auf der Hütte geblieben sind!

Wir gingen noch auf den Kalmberg, den Hausgipfel, genossen den Rundblick inklusive Dachstein, aßen zu Mittag und stiegen gemütlich nach Gosau ab.

3 thoughts on “Tag 24: Bauchgefühle

  1. Martha

    Bernd und einladende Hütte – irgendwie wieder eine Fügung, die zum Ziel passt …. nach Hause … Vater …. Beziehung zum Vater … Vaterbild(er) … BauchGEFÜHL… hat alles seinen Sinn!

  2. Kaethe

    Lieber Tom,
    dazu hab ich für dich und deinen Papa ein sehr empfehlenswertes Buch: Sabine Bode, Die vergessene Generation und Kriegsenkel. Letzteres hat mit uns zu tun, hab’s neu und bin erst am Beginn….!
    Hm ja, hat unsere Elterngeneration überhaupt eine Kindheit gehabt? Spannendes Thema und was haben wir daraus erfahren und was haben wir genommen? Sind wir deshalb so wie wir sind in der Dysbalance und können wir es ändern? Hm!? Spannende Zeit in der wir leben……und das mittendrin! Mit diesen Gedanken weiterhin einen erfolgreichen Weg und wir helfen auch unseren Eltern den Mut aufzubringen sich ihre Geschichte anzusehen ….
    Lg Käthe

  3. Peter

    Lieber Tom,
    ja die Geschichte mit dem Vater ist eine lange Geschichte der Emotionen. Leider sehr oft geprägt von beiderseitigen Unverständnis für die Wahrnehmungen und Gefühle des Anderen. Kindheit und Jugend in Armut und Krieg zu erleben, das können wir uns gar nicht vorstellen. Bei meinem Vater war es auch ein Leben der nicht vorhandenen Möglichkeiten, das ihm im Alter zu schaffen machte und mürrisch werden ließ. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass zwischen meiner und der Generation meines Vaters ein riesiger Abgrund war, der die Unterschiede im Denken, Handeln, in den Glaubenssätzen, in den Werten zu Tage treten ließ. Leider sehr oft unüberwindbar.
    Leider kann ich nur mehr im Gedanken zu meinem Vater reisen und bei meinen Bergtouren an ihn denken. Denn die Liebe zu den Bergen hatten wir beide…
    Alles Gut und weiterhin tiefe Erfahrungen in der Natur auf dem Weg zu Deinem Ursprung…
    Lieben Gruß
    Peter

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